A H3R0 | Igra, die Kriegerin der Salphynen - Teil 1


Igra, die Kriegerin der Salphynen - Teil 1


"Der weiße Baum verliert seine Blüten." Igra, Kriegerin der Salphynen, streifte über die weiße, raue Rinde des Baumes, der mitten auf der Lichtung stand und schaute zu ihm hinauf. Ein Windhauch wehte über den Wald und durch die leicht glühenden Blätter. Die Zweige wiegten sich im Wind und schüttelten einige Blüten ab. Mit starrem Blick sah sie einer der herab gleitenden Blüten nach und ließ sie auf ihre Hand fallen.

Ihre Augen wanderten leicht über die weiße, leicht graue, immer noch ein wenig leuchtende, aber fast schon erloschene Blüte und streifte zärtlich mit ihrer Hand über die Staubblätter. Der weiße Blütenstaub blieb an ihren blauen Fingern hängen und sie betrachtete das glitzernde Puder, das nun an ihrer Hand klebte. Nach einer Weile schweifte ihr Blick von ihrer Hand wieder zu der Blüte.

Sie führte sie langsam zu ihrem Mund und pustete. Der verbliebene Blütenstaub löste sich wie in Zeitlupe von den Staubblättern und flog durch die Luft, wie ein langsam aufziehender Nebelschwaden. "Das Gift steigt in den Himmel und gelangt zum See", sagte sie und lies die nun vollkommen erloschene Blüte sanft zu Boden fallen. Nach einem kurzen Blick in den Himmel sattelte sie ihr Pferd und hing ihren Beutel an den dafür vorgesehenen Platz. Die Wolken schimmerten violett-grün. "Hast du gehört, Varna?" Sie strich ihm über die Mähne. "Hoffentlich wird bald nicht alles vorbei sein..." Sie stieg auf ihr Pferd, genoss noch einmal einen kleinen, kalten Windhauch und atmete die tiefe Stille die sie umgab ein letztes mal ein.

Igra berührte Varna kurz mit den Fersen und ließ ihn los reiten. Der kühle Wind schnitt ihr über das Gesicht. Es war wie ein Ritt durch einen unsichtbaren Dornbusch. Ihre Haut schmerzte ein wenig von der Kälte und den kleinen Schnitten der Luft. Doch sie liebte diesen Schmerz. Er war kalt und erfrischend. Es war kein starker Schmerz, nur ein kleines und belebendes Schneiden, dass die Hitze in ihren Händen ausglich. Varnas schwarzes Fell glänzte in den wenigen Sonnenstrahlen die durch die violett-grünen Wolken hervor schienen. Seine Mähne wehte wild im Wind und Igra hielt die Zügel fest in der Hand. Die Luft zischte an ihr vorbei. Mit den kleinsten Bewegungen ihrer Fersen leitete sie Varna durch den dunklen Wald.

Es war einer dieser Momente, in der sie dieses starke Band spürte, dass sie verband. Es war nicht nur ein Band des Vertrauens, es war ein inniges Band der Freundschaft. Sie kannte Varna nun schon fast ihr ganzes Leben lang.

Varnas früherer Besitzer, ein Pferdehändler, hielt ihn für zu schwach. Varna wollte einfach nicht schnell genug wachsen. Zwei Füße groß war er bei seiner Geburt. Im Durchschnitt wurden salphynische Pferde immer drei Füße groß und keiner, wirklich keiner wollte Pferde unter dieser Größe auffüttern. Es wäre einfach kein rentables Geschäft. Am Ende würde das Pferd noch zu früh sterben oder man müsste es intensiver pflegen als die anderen, was mehr Arbeitsstunden für das gleiche Geld und Futter kosten würden. Das wäre nicht gut für das Geschäft. Doch Igra wusste, dass Varna stark war. Sie sah es in seinen Augen, an seinem Blick.

Sie wünschte sich, sie könnte Varna direkt dem Händler abkaufen, als sie zum ersten Mal diesen sturen, kämpferischen, aber dennoch treuen Blick sah, den Varna ihr zu warf, als sie am Marktplatz der Hauptstadt von Garnodia an ihm vorbei lief. Angebunden an einem Holzpflock lag das schwarze Fohlen dort mit diesem Blick. Diese schwarzen, tiefen und traurigen Augen. Jeden Tag lag es dort. All die Tage an denen sie dort vorbei lief, um frisches Getreide zu holen oder Lieferungen zu erledigen. Jedoch konnte sie ihn nicht dem Händler abkaufen, sie besaß nichts.

Damals war sie noch keine Kriegerin der Salphynen. Im 24 jährigen Krieg um das Klippenmeer wurde sie im alter von 12 Jahren als Sklavin nach Garnodia gebracht. Igras Haut war damals noch fast rein. Nur ihr Familienzeichen leuchtete weiß auf auf ihrer blauen Haut. Es war ein auf zwei Beinen stehender Drache. Jedes salphynische Kind bekommt dieses von Generationen weitergegebene Familien-Mal mit zehn Jahren auf die Hand tätowiert. Das Zeichen erinnerte sie immer wieder in dieser Zeit daran, dass sie 'Igra aus dem Hause Dragnar' war und das gab ihr Kraft.

Nach ihrer Gefangennahme hatte Igra Glück. Der Vater einer wohlhabenden garnodischen Bäckerfamilie, kaufte sie auf. Ihre Aufgabe war es ihnen im Bäckerbetrieb auszuhelfen. Igra tat mit der Zeit so, als würde sie sich der Familie anvertrauen und kümmerte sich um die Kinder der Familie. So durfte sie nach einiger Zeit auch alleine zum Marktplatz gehen, auch wenn sie von den Garnodiern die sie begegnete Hasserfüllte Blicke erntete und meist gewaltsam endete. Aber dadurch stiegen ihre Chancen zu fliehen und sie nahm es hin.

Eines Abends, es war schon dunkel und sie sollte eine letzte Lieferung Brot zu einem reichen garnodischen General bringen, belauschte sie den Pferdehändler zufällig, wie er einem dicken, vollbärtigen Mann einen großen, weißen Schimmel verkaufte. “Was wird denn jetzt aus diesem Mistvieh dort drüben?”, fragte der Bärtige, während er mit seinem dicken Finger auf das auf dem Boden kauernden Fohlen zeigte und während er dies tat, kratzte er sich gleichgültig an seinem garnodischen Mal an der Stirn.

Ein Viereck welches von einem Kreis umzogen wurde. Igra, wusste, dass alle Garnodier mit so einem Mal geboren wurden. Nur der Kreis in der Mitte bildete sich erst, wenn ein Garnodier erwachsen geworden war. Aber dieses Mal von diesem Garnodier war so hässlich und ungerade sodass Igra das Gefühl hatte, es würde die hässliche Persönlichkeit des Garnodiers zu perfekt wiederspiegeln.
“Zu klein. Keiner will ihn. Ich bring ihn später mit der Kutsche in den Wald, binde ihn an einen Baum und überlasse ihn den Wölfen. So frisst er mir wenigstens nicht mehr das Fressen für das andere Vieh weg”, prahlte der Händler laut lachend und grinste dabei mit seinem breiten ungepflegten Mund das bösartigste Grinsen, dass ein Garnodier Grinsen konnte.

In diesem Moment wurde Igra alles egal. Sie wollte nur das arme Pferd vor dem Tode retten. Igra wusste, dass sie es nicht mit zu der Bäckerfamilie nehmen durfte. Sie musste jetzt mit diesem Pferd fliehen. Sie versteckte sich hinter einem Wagen, legte den Brotkorb auf den matschigen Boden und wartete bis der Händler seinen Stand verließ. Vorsichtig beobachtete sie ihn, wie er das Fohlen auf seinen Wagen zerrte. Mit aller Kraft wehrte sich das Tier. So, als wüsste es von seinem Schicksal bescheid. Es zog wild an dem Seil und dadurch zog sich die Schlinge um den Hals nur immer weiter zu. Nach mehreren Tritten und Schlägen hatte der Händler das Pferd auf sein Wagen geschafft, band es fest und nahm vorne Platz. Vor Schmerzen sank das Fohlen auf den Boden des Wagens und schnaubte.
Als Igra sich sicher war, dass sie nicht beobachtet wurde, schlich sie sich auf die Kutsche, band das zusammen geprügelte Fohlen los, nahm es auf den Rücken und rannte. Sie rannte so schnell sie konnte zum nächsten Hafen um auf einem Militärschiff nach Salphynea zu gelangen. Die Zeit für den Weg, den sie sonst jeden Tag in wenigen Minuten lief, erschien ihr nun eine Ewigkeit zu sein. Hinter sich hörte sie den Händler hinter ihr her schreien und sie rannte immer weiter. Dies war jetzt schon fünfzehn Jahre her und seit diesem Tag war Varna ihr nie von der Seite gewichen.

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