Kurzgeschichte #002 | Der Betrunkene mit der Gitarre und dee Bierflasche
Der Betrunkene mit der Gitarre und dee Bierflasche
Nach einer wahren Begebenheit.
Es war Nachts und man konnte den Vollmond groß leuchtend am Himmel sehen. Gerade eben war ich noch bei meiner Freundin gewesen, habe mit ihr über meine vegetarische Ernährung gelästert und ihr ein wenig was auf der Gitarre vorgespielt. Nun war ich mit dem Zug einen Ort weiter gefahren und stand an der nächsten Bushaltestelle am Bahnhof. Da mein Bus erst in vierzig Minuten kam, entschied ich mich die Busroute entlang zu laufen. Dies tat ich immer, nach dem ich bei ihr war und noch ein wenig Zeit hatte. Es war besser, als dumm und unproduktiv herum zu sitzen und ein wenig Bewegung hatte ja noch nie jemandem geschadet. Vor allem einem Kellerkind wie mir nicht, mit einem Körper, der sich über jede kleinste Bewegung zu freuen schien. Also lief ich die Bushaltestellen ab, an denen der Bus hielt und hoffte bald an die letzte Haltestelle im Ort zu kommen, natürlich bevor mich der Bus einholte. Ein kleines Wettrennen gegen die Zeit. Zur Sicherheit schaute ich noch einmal schnell auf mein Handy auf die Uhrzeit: "21:46".
Während ich lief, spielte sich in meinen Gedanken noch einmal mein gestriger Auftritt mit einer guten Freundin in einem kleineren Bistro am Nachmittag ab. Im Publikum saßen meine Freundin, unser Coach, eine Meute Rentner, ein Metalhead mit seiner Lebensgefährtin und das von ihnen gezeugte, schreiende Etwas (das wir dann zum Glück mit unserer Musik besänftigen konnten) und in einer etwas hinteren Reihe saß auch ein mir sehr trunken erscheinender Mann, der ein Bierglas vor sich stehen hatte und sehr deutlich ab und zu grölend in seinem Rausche unsere Musik genoss. Betrunkene waren immer ein einfaches Publikum und tolle Stimmungskanonen. Die Stimmung war gut, auch wenn ich mich andauernd verspielte und einige Einsätze verhauen hatte. Viel mehr und öfter als meine Duo-Partnerin. Ich musste an die Situation denken, an der sie sich eine der wenigen Male eindeutig verspielte, wir komplett aus dem Lied kamen und ich vor dem Publikum daraus einen Spaß machte und sie in leicht ironischem Ton aus buhte. Nach dem Song begriff ich, dass es vielleicht doch ein wenig zu viel des Spaßes sein konnte, weshalb ich mich höflichst lachend bei ihr und dem Publikum entschuldigte. Ein schlechtes Gewissen flog mir seit der Situation durch meinen Kopf. Nach dem Konzert sprach mich der Betrunkene noch einmal vor dem Pissoir an. Er meinte, ihm gefiel unser Auftritt und das er selber Musik machen würde. Er würde gerne mit mir oder mit uns was aufnehmen. Ich versuchte kurz zu antworten, da mir das Gespräch mit Betrunkenen immer schon ein wenig unangenehm war. Dann ging er einfach so, scheinbar fröhlich.
Ich zog meine Gitarre auf meinen Rücken und versuchte mich mit ein wenig Reggae aus meinen Ohrenstöpseln abzulenken. Nach dem ich nun an der letzten Haltestelle im Ort gelangt war und noch ein wenig Zeit hatte, beschloss ich mir ein Eis für zwei Eurönchen zu kaufen. Drei Gründe hatten mich zu dem Spontankauf gestimmt: Es war zum einen das letzte Geld, welches ich in dabei hatte, der Kiosk hatte noch offen -und das um diese Uhrzeit- und vor Allem: weil ich einen kleinen Hunger im Magen sitzen hatte. 'Kann man sich mal gönnen', dachte ich mir. Doch als ich dann dieses mickrige Marken-Eis in der Hand hielt, bereute ich meinen Kauf ein wenig.
"Ey man! ich habe disch den ganzen Tag schon g'sucht!", rief eine männliche betrunkene und rauchige Stimme mit italienischem Akzent in meine Richtung. Es rannte, Nein. Es torkelte ein mit Bierflasche und Gitarre bepackter Mann auf mich zu, "Ey, dasch isch disch hia noch find! Zufälle gibts! Isch hatsscho fast aufjegeben! Den ganzen Tag hab isch gesucht!". Er lallte, seine Stimme war kaum verständlich. Er blieb kurz stehen und nach einem kurzen Singultus, der kurz darauf wieder verschwand lief er weiter auf mich zu. Ich versuchte im Dunkeln sein Gesicht zu erkennen, doch ich hatte schon eine Ahnung. Der Betrunkene von gestern. Schnell zückte ich mein Handy und schrieb meiner Freundin ein schnelles "Hilfe" damit sie wüsste, würde etwas passieren, wann es denn passiert sei. Das könnte den Obduktions-Menschen bestimmt eine Menge arbeit abnehmen. Zum Glück waren noch zwei andere Menschen in der Umgebung, weshalb ich mich erst einmal beruhigen konnte.
"Isch hab eusch gestern laif gsehen", hickste er betrunken, "Und ich fand's KLASSE! Isch würde sugern n Liedchen mit dir aufnehmen! Oder swei! Isch würd disch einfach mit deiner Dingsda-Musik-Freundin-Schwester-Whatever Spielen lassen! Du so Solo und sie so Bäckgraund Gesang und isch so Rhydmusgedarre! Voll geil! Hasu bock? Isch...", wieder ein vereinzelter Singultus. Irgendwie tat er mir schon ein wenig Leid. Wäre er nicht so betrunken, so wäre er mir sicher sympathisch gewesen. Ich konnte Betrunkene noch nie so wirklich abschätzen. "Isch spiel mal was und mach so mit dem Mund Solo. Du versuchst dann mit Gitarre einfach zu spielen was ich singe, ja?". Er fing an drei Akkorde in dauerschleife zu spielen versuchte mit seinem Mund eine Trompete nachzuahmen, welche sich erstaunlich gut für eine Mundtrompete anhörte.
Viel zu überfordert und mit dem bestätigtem Gedanken, dass Musik auf einer anderen Ebene verbinder, holte ich instiktiv meine Gitarre aus der Tasche heraus.
Ein Mann, der sich gerade neben mich setzte, nahm zu uns schielend sein Telefon aus seiner Tasche und hielt es wie zum telefonieren an sein Ohr. Der Betrunkene schaute zum telefonierenden und ich spürte eine kleine Anspannung. "Ey was gucksu? Was Telefoniersu? Polisai?", der betrunkene wirkte leicht aggressiv aber dennoch irgendwie angeheitert. "Nein, nur Freunde...", der Mann schaute ein wenig irritiert. "Hast du Glück, isch bin nämlisch selbs Polisai." 'Mitspielen, einfach nur mitspielen', dachte ich mir und fing an irgend ein halb-schlechtes Solo auf der Akustik Gitarre über seine Akkorde zu schreddern. Er versuchte zu singen. Es klang wie in einer alten italienischen Bar. "Kennse?", fragte er mich grinsend und ich verneinte spielend lachend. "Kannsu auch garnisch! Ischt meine Musik!", sagte er stolz und fing wieder an zu singen. "It's not an Mambo, It's not a music! It's mai Song!", dann irgendwas auf italienisch. Auch wenn das Lied in einer fröhlichen Skala saß, hörte es sich von ihm gesungen sehr trist an. Er spürte die Musik in seinem Rausch. Er fühlte Sie. Er war wirklich nicht schlecht und hatte einen sehr guten Rhythmus drauf, doch der Rausch machte ihm zu schaffen und lies ihn ab und zu aus dem Takt tanzen.
Da ich mir bei ihm immer noch nicht sicher sein konnte, ob er vertrauenswürdig sei, fragte ich ihn, ob ich denn ein Lied mit meinem Handy aufnehmen könnte mit dem Plan, die Aufnahme nicht zu beenden. Ich wusste sie würde mir irgendwann nützlich sein. Vielleicht bei der Polizei, falls er eskaliert, oder doch nur als Belustigung für Freunde. Er willigte ein. Wir spielten eine Zeit lang und es fing mir langsam an sogar Spaß zu machen. Wie aus dem nichts hörte er auf zu Spielen.
"Ah.. meine schaiß Arme schmersen...", er machte eine kleine Pause und legte seine Gitarre auf die Bushaltestelenbank,"Viel zu viel hart gearbeitet. Isch arbeite nur noch... Weißt du? Isch wohnte mit meiner Frau, da in diesem Haus da", der Mann zeigte auf ein Haus, dass ich im dunkeln nicht erkennen konnte. "Dann meinte sie so: 'jaaa, nehm dein Zeug und geh!' also hab isch mein Sache genommen, alles in die Sporttasche, alles rein und bin abgehauen! Und hab ich auch nicht nötig, die. Nur weil ich bisschen getrunken hab! Isch trink eigentlisch nischt wenig... eh... viel", er stoppte kurz und fasste sich an die Gurgel und, "Normalerweise immer so eins zwei Flaschen... aber heute zehn!Tut mir aber gut!", er lächelte seine Flasche an. "Willsu ein Bier? gebisch aus!", ich verneinte dankend mjt dem Argument ich tränke kein Alkohol.
"Diese gansn Autos", er zeigte auf den Parkplatz hinter uns, auf dem zwei Autos geparkt waren, "gehören meinem Cheffe! Isch müsste einfach nur meine Musik aufnehme, dann hätte ich alles nichts mehr Nötig! Isch habe 7 Monate keine Gitarre mehr gespielt... Isch arbeite am Flughafen, aber isch bin da nicht oft, isch darf das, isch hab gut gearbeitet, immer gut, die tollelieren dasch. Isch muss da jetzte nicht mehr so oft sein... Jetzt bin isch nur so einmal die Woche da, für steuern weißu? Ich bin nämlich Mann mit Ehre! Ich zahle steuern! Isch bin guter Handwerker! Isch bin mir sicher der beste in Hessen!" Er streckte stolz seine Brust heraus, "Ist dein Reifen kaputt? Gibsu mir 20€ komm isch her, Dann Flick isch disch! Kannsu sofort weiter fahre! Ohne Reife zu wechseln! Hab ganz viel Technik in Garage!", der Mann schaute kurz seine Gitarre an, auf der sich Schatten von Löchern der Haltestelle fallen ließen. Er schien darüber sehr belustigt: "Hahaha schau mal, die Punkte! Voll krass!" ich musste auch lachen. Es war witzig wie er sich über sowas kleines belustigen konnte. Wahrscheinlich war sein Rausch nicht nur Alkohol bedingt. "Sag ma, willsu rauchn?", ich vereinte dankend. "Isch rauch eigentlich auch nicht. Eigentlich rauch isch nur Gras. Am Tag eigentlisch nur so 2. Aber Heute 8! Und dann immer arbeite, arbeite, arbeite", der man streichelte seiner Gitarre über den Hals und seufzte. Ob glücklich oder traurig sah ich ihm nicht an. Vielleicht war es ja beides. "Aber hab isch gebraucht die Auszeit!", er grinste wieder. Langsam bezweifelte ich ob er überhaupt noch einen Job hätte und die beim Flughafen es ihm einfach nur sowas gesagt hätten: "Sie machen einen wirklich sehr guten Job und wir tollerieren das! Sie müssen nicht mehr so oft kommen!", nur um diesen trunkenbold loszuwerden. Als Arbeitgeber würde ich auch keine daueralkoholiker einstellen wollen.
Daraufhin erzählte er mir, dass er sich gerne eine Werkstatt kaufen würde und er dringend dafür zwei Azubis benötigte. Nicht nur einen, Nein. Zwei! und dass er sie sehr gut bezahlen würde.
"Wenn er Lernen will, wird gelernt! Wenn er Meister machen will, macht er gleisch Meister! Schbin gut im Lern...Lehrn... Sagen auch die da!", er zeigte in Richtung des Kiosks, in dem ich mir vor wenigen Minuten mein kleines überteuertes Mini-Eis gekauft hatte.
Ich hörte ein brummen. Der Bus. Endlich. Ich packte schnell meine Gitarre ein und sagte ihm ich müsse jetzt sofort los. Auch wenn es nicht mein Bus wäre, wäre ich schnell eingestiegen.
Er sagte mir nochmal, dass er mit mir unbedingt mit Thomas dem Bassisten aufnehmen wollte, und er so ähnlich aussehen würde, wie ich. "Hat auch so lange Mähne haha!", er reichte mir seine rechte Hand.
Instiktiv griff ich nach ihr, später fragte ich mich, ob es denn eine so gute Idee, war solchen Menschen die Hand zu geben.Egal, passiert war passiert. Er hatte einen leichten Händedruck gehabt, hatte aber trotzdem versucht fest zu zudrücken. Er lächelte mich glücklich an, ich wünschte ihm einen schönen Tag und stieg ein. Auch wenn diese Begegnung sehr interessant war hoffte ich, diesem Menschen nicht wieder zu begegnen. Nicht weil er unsypmathisch war. Eigentlich wusste ich nicht, warum ich ihm nicht wieder begegnen wollte. Vielleicht weil es ein fremder Mensch war. Ich mochte nie fremde Menschen. Aber diese Begegnung war interessant.
Geschrieben:
8. August 2017
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